Brettschnitte im Salzkammergut

Die traditionelle Architektur des Salzkammerguts ist durch den sorgsamen Umgang mit dem Werkstoff Holz geprägt. Der hohe Holzbedarf der Salzwirtschaft ließ für private Zwecke nur die unbedingt notwendigen Restmengen übrig. Die sichtbaren Folgen dieser Ausgangslage sind Bauformen, die das Holz konstruktiv schützen und so eine lange Lebensdauer sicherstellen. Eine weitere Folge ist die weitgehende Reduktion des Verschnittes, sodass die Holzteile möglichst so groß wie sie gewachsen sind eingebaut wurden. Ein Muster fällt aber aus dieser Reihe: der Brettschnitt. Brettschnitte gehen verschwenderisch mit dem Rohstoff Holz um und bieten durch die künstlerisch vergrößerte Oberfläche den holzzerstörenden Organismen ein breiteres Angriffsfeld. Unter diesem Blickwinkel erscheint die Bedeutung floral-ornamentaler Zierelemente für die Generationen vor uns noch größer.

 

Gwandtnergang, Bad Goisern Untersee, Foto Idam 1998

Brettschnitte mit geschweiften, oftmals floral anmutemden Mustern finden sich in der vernakulären Architektur des Salzkammerguts ab dem 18. Jahrhundert als Gestaltungselement von Brüstungen hölzerner Loggien, den sogenannten "Gwantnergängen". Formal wird hier das Architekturelement der Balustrade mit deren raumgreifenden Balustern in eine räumlich vereinfachte, flächenhafte Dimension übertragen.

Gwandtnergang, Obertraun, Foto Idam 2003

 

Diese geschweiften Brettschnitte, in der Literatur häufig fälschlich als "Laubsägearbeiten" bezeichnet, wurden ursprünglich mit der Spannsäge, später mit der Band- oder der Stichsäge, in jedem Fall aber mit einem schmalen Schweifblatt, aus Brettern herausgesägt. Bemerkenswert ist die Beobachtung, dass bei älteren Brettschnittbalustraden die einzelnen Bretter unterschiedlich breit sind, und so das Schnittmuster bei jedem Brett in der Breite unterschiedlich gedehnt oder gestaucht ist. Die Erklärung für diese interessante und lebendige Gestaltungsform liegt in der einfachen Tatsache, dass mit dem wertvollen Rohstoff Holz so sparsam wie möglich umgegangen worden ist, und jedes Brett in sein individuellen Breite, mit möglichst wenig Verschnitt, verarbeitet worden ist.  

Gwandtnergang, Hallstatt, Foto Idam 2003

 

Diese Vorgangsweise erfordert bei der Ausführung entsprechendes handwerkliches Gespür, weil nicht jedes Brett mit der selben Schablone angerissen werden kann. In der gegenwärtig, auch in der regionalen Holzbearbeitung., immer mehr zu Einsatz gebrachten CNC Fertigung liegt gerade für diesen gestalterischen Ansatz große Potenziale: die Breitenanpassung des Musters kann automatisiert werden und die neueste Technologie macht historisch gewachsene Gestaltungsprinzipien wieder erlebbar.

Gwandtnergang, Hallstatt, CAD Zeichnung Idam 2020

 

Aber vielleicht ist dieser High-Tech Ansatz unnötig, wenn eine neue Generation von Handwerker_innen mit dem erforderlichen Können und Gespür heranwächst.

 

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Artikel Brettschnitte
Aus dem Auststellungsmagazin des HandWerkHauses Bad Goisern
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Quellendedition

Vom Hallstätter Heimatforscher Isidor Engl wurden im späten 19. Jahrhundert aquarellierten Federzeichnungen von Brettschnittmustern angefertigt. Die originalen Blätter befinden sich im Archiv des Hallstätter Museums.

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Aquarellierten Federzeichnungen von Brettschnittmustern
Engl_Brettschnitte_Hallstatt_A4.pdf
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